20 Jahre Weingilde Bergstraße

Dazu schreibt der heutige 1. Vors. Manfred Berg eine kleine Chronologie und erinnert sich:


Erste Bestrebungen zur Gründung einer Weinbruderschaft an der Bergstraße gehen bis ins Jahr 1977 zurück. Professor Dr. Hans-Jörg Koch, Ehrenbrudermeister der Weinbruderschaft Rheinhessen, heute Ehrenmitglied der Weingilde Bergstraße, unternahm im Laufe von 25 Jahren etliche Anläufe, um hier eine entsprechende Vereinigung zu gründen. Ein letzter Versuch im Juli 2001 sollte schließlich zum Erfolg führen. Der Bergsträßer Anzeiger titelte damals „Nur Anbaugebiet Bergstraße ist ohne Weinbruderschaft“ und schrieb, „die Gründung einer Weinbruderschaft wäre ein Bekenntnis zur Weinkultur in der Region“. Der Aufruf blieb nicht ohne Resonanz: Jürgen Kotrade und Roland
Turowski
meldeten sich unabhängig voneinander bei Hans-Jörg Koch in Wörrstadt, der beide zusammenführte.


Noch im gleichen Jahr trafen sich dann etwa ein Dutzend Weinfreundinnen und Weinfreunde bei Ingeborg und Roland Turowski, um die Gründung einer Gemeinschaft zur Förderung der Weinkultur vorzubereiten. Konkreter wurde es bei einem Treffen im Februar 2002. Neben dem Entwurf einer Satzung ging es auch um die Namengebung der zu gründenden Weinbruderschaft. Bruderschaft kam nicht in Frage, da sich fast gleich viele Frauen und Männer gemeldet hatten, und so einigte sich die Runde auf die Bezeichnung „Weingilde Bergstraße“.


Die Gründungsversammlung erfolgte mit 19 Teilnehmer*innen am 8. März 2002 im Haus am Dorfplatz in Schönberg. Der erste Vorstand setzte sich folgendermaßen zusammen: Vorsitzender Jürgen Kotrade, stellvertretender Vorsitzender Roland Turowski, Schriftführer Manfred Berg und Kassenführer Frank Heyder sowie die Beisitzer*innen Robert Eberle, Dietmar May und Ingeborg Turowski, Kassenprüfer Walter Schebek und Günter Wachtel. Am 30. April 2002 stellte sich die Weingilde im Rahmen des Bergsträßer Weinfrühlings erstmals mit einer speziellen Weinprobe im Staatsweingut Bergstraße vor.


Bereits im Januar 2003 konnte die Weingilde Bergstraße mit ihrem von dem in Fehlheim lebenden Künstler Hans Borchert entworfenen Signet an die Öffentlichkeit gehen. Der als „Bewegungszeichner“ bekannte Maler hat hier die Verbindung von Wort und Bild in grafisch gekonnter Manier hervorragend umgesetzt. Ein weiterer Meilenstein im Werdegang der Weingilde war 2011 die Eintragung ins
Vereinsregister.
Nach entsprechender Satzungsänderung dürfen wir uns seitdem als e.V. – eingetragener Verein – bezeichnen und haben damit die Rechtsfähigkeit als juristische Person erlangt.


Die Mitgliederzahlen haben sich von ursprünglich 19 im Gründungsjahr 2002 auf 38 im Jahr 2007 und 50 im Jahr 2014 entwickelt. Seit acht Jahren sind die Zahlen bei ausgeglichenen Zu- und Abgängen also nahezu konstant.


Einige ausgewählte Veranstaltungen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) sollen die Vielfalt bei unseren Themen der letzten 20 Jahre aufzeigen:


25. April 2003 Ausstellung „Visitenkarten der Weine – Kunstkreationen auf deutschen Weinetiketten“ von Jürgen Cantstetter
25./26. Sept. 2004 Exkursion nach Erfurt mit Verkostung von Saale-Unstrut-Weinen
28. Januar 2005 Große Weine von Saar und Ruwer
28. April 2006 Wein – Industrieprodukt oder Winzerhandwerk v. Prof. Koch
27. April 2007 Wein und Gesundheit v. Prof. Dr. Klaus Jung, Uni Mainz
15. Februar 2008 Weine aus Südafrika
16. Mai 2009 Wein und Essen zur Römerzeit
25. Januar 2010 Französischer Jura – Das Land der gelben Weine
18. Februar 2011 Portugal-Verkostung im BASF-Weinkeller
10. Februar 2012 Weine aus dem heiligen Land
15. Februar 2013 Weine vom Weingut Freiberger
23. Mai 2014 Wein in Farbe mit dem Sensoriker Martin Darting
16. Februar 2014 Weine wie vor 100 Jahren – Museumsweine v. Wolfram Römmelt
30. Oktober 2015 Weißweine aus der Wachau
25. Juni 2016 Exkursion nach Wissembourg und die südliche Weinstraße
17. Februar 2017 Verkostung europäischer Apfelweine
25. Mai 2018 Weinbau und Gewässerschutz mit Hochschule Geisenheim und Winzer Jan Faber
15. November 2019 Toskana-Zyklus Teil 3 – Die Spitzenweine
24. Januar 2020 Weinland Rumänien 28. Mai 2021 Weiße Sommerweine Online
13. Mai 2022 Weine von der Nahe


Bei der Mitgliederversammlung am 17. Sept. 2020 wurde Roland Turowski als Vorsitzender von Manfred Berg abgelöst. Roland war von Anfang an im Vorstand, davon 15 Jahre als Vorsitzender. Seine Verdienste wurden kürzlich mit der Verleihung des Ehrenbriefs des Landes Hessen gewürdigt. Fünf weitere Mitglieder der Weingilde sind bereits ebenfalls wegen ihres vielfältigen Engagements mit dem Landesehrenbrief ausgezeichnet worden: Norbert Bauer, Reinhard Bauß, Elke Ditter, Walter Fitz sowie Anette Klüber-Meyer.

Die Weingilde und der Landesehrenbrief

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Pflege des Kulturguts Wein und der Verleihung des Landesehrenbriefes? Warum? Weil nämlich in der Weingilde schon sechs Personen mit dem Landesehrenbrief ausgezeichnet worden sind.

Nein, gibt es nicht! Außer, daß sich viele Mitglieder der Weingilde auch in anderen Bereichen stark engagieren.

Der Ehrenbrief des Landes Hessen ist eine Auszeichnung des Hessischen Ministerpräsidenten für besonderes ehrenamtliches Engagement im Bereich der demokratischen, sozialen oder kulturellen Gestaltung der Gesellschaft. Über die Verleihung eines Ehrenbriefs entscheiden die Landräte beziehungsweise die Bürgermeister, in deren Zuständigkeitsbereich die zu Ehrenden wohnen. Die Auszeichnung mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen setzt eine mindestens 12-jährige aktive ehrenamtliche Tätigkeit in der kommunalen Selbstverwaltung oder in kommunalen Einrichtungen, in Vereinen mit kulturellen und sozialen Zielen oder in vergleichbarer Weise voraus.

Und diese Mitglieder der Weingilde sind Träger des Landesehrenbriefes Hessen:

Norbert Bauer 3/2007 – Reinhard Bauß 11/2009 – Elke Ditter 1/2019 – Walter Fitz 5/2022 – Roland Turowski 6/2022 – Anette Klüber-Meyer 6/2022 –

Wir freuen uns, daß wir diese Weinfreunde und innen in unseren Reihen haben und gratulieren allen und gerade den Letztgenannten, weil sie erst in diesen Wochen mit der verdienten Auszeichnung eine Bestätigung und Würdigung ihres langjährigen Engagements bekommen haben.

Was wir vielleicht noch nicht gewußt haben – Folge 10

  • Bei der letzten Weinverkostung der Weingilde mit Weinen aus der Region Nahe waren fast alle Weine spontan vergoren. Da tauchen mal wieder viele Fragen auf.
  • Was ist Spontanvergärung? Warum eigentlich? Schmeckt man das? Welchen Einfluß hat das auf den Wein?
  • Unter Spontangärung versteht man die Gärung, die im natürlichen Prozeß von selbst eintritt, durch die Hefen und Mikroorganismen, die der Most aus dem Weinberg mitbringt. Früher (bis in die 70er Jahre) kannte man nur diese Art von Gärung. Heute werden die Moste vielfach stark vorgeklärt und Reinzuchthefen zugesetzt, die in vielen Varianten am Markt angeboten werden.
  • Die Gärung verläuft dann in aller Regel zwar problemfrei, und der Winzer kann sein Risiko minimieren, allerdings entstehen damit auch uniformere Weine. Viele Weinliebhaber schwärmen daher wieder von der Spontangärung und Terroir-geprägten Weinen. Macht sie eine Spontangärung wirklich kräftiger und vielschichtiger, oder ist das mehr Glaubensache, wenn nicht gar Scharlatanerie? Schon länger arbeiten engagierte Winzer die Terroir-Prägung ihrer Weine heraus. Gemeint sind die Geschmackseinflüsse des Boden, des tieferen Untergrunds, der Feuchtigkeit, der Hangneigung, dem Kleinklima usw. So entstand der Versuch, auch den natürlichen Hefen, welche die Trauben aus dem Weinberg mitbringen, wieder mehr prägenden Einfluss zu geben.
  • Alle diese Mikroorganismen kommen reichlich in der Natur vor und gelangen auf den Trauben und mit dem Most in den Keller. Auch dort leben dem Auge verborgene Hefen in großer Zahl und prägen den Weinstil eines Betriebes mit. Ein sich selbst überlassener Most fängt daher spontan an zu gären. So war es über Jahrhunderte. Heute sind etwa 700 Hefearten mit 5000 Stämmen bekannt. Die wichtigste und erwünschte Hefe, welche schöne fruchtige Weine bringt, ist die Saccharomyces cerevisiae, von der es wiederum viele Spielarten gibt, eben die Weinhefe, aber auch Bier- und Backhefen.
  • Reinzuchthefen werden seit über dreißig Jahren in großer Variationsbreite mit verschiedenen Geschmacksprofilen angeboten. Dieses Vorgehen bringt hohe Sicherheit bei der Gärführung und saubere, fruchtige und bekömmliche Weine, die rasch trinkfertig sind. Daher ist die Vergärung mit Reinzuchthefen heute weithin üblich. Leider war aber auch festzustellen, dass diese Weine weniger Individuelles zeigen und vergleichsweise rascher altern. So entstand erneut eine lebhafte Diskussion um die Spontangärung und die schönen Geschmacksprofile, die durch sie im Laufe einer längeren Reifung entstehen.
  • Was nützt es aber dem Winzer, wenn der spontan vergorene Wein zwar anders, dafür aber Kunden nicht besser schmeckt? Hier muß der Winzer entscheiden, welchen Weg er gehen will.
  • Und unerfahren geht er ein Risiko ein, wenn das Erntegut nicht ganz gesund ist oder die hygienischen Bedingungen im Betrieb nicht penibel eingehalten werden. Als die Spontanvergärung in Mode kam und die Winzer noch nicht so geübt waren, fand man in spontan vergorenem Wein häufig den sogenannten Böckser. Dabei verursachen schwefelhaltige Verbindungen Fehlgerüche nach faulen Eiern, Gummi oder Zwiebeln im Wein. Auch Lösungsmittelgeruch, Essiggeschmack oder medizinische Noten können spontan vergorenen Wein ungenießbar machen.
  • Die Weingilde kennt aus ihren vielen Verkostungsreihen diese Problematik und da sind schon viele heftige Diskussionen entstanden. Heute bekommen die Winzer aber Empfehlungen an die Hand, wie eine Spontanvergärung besser glücken kann, um das Risiko schlechter Weine zu minimieren.. Dazu gehört z.B. auch eine ständige Überwachung des Gärprozesses – wirklich spontan passiert dann im Keller aber nichts. Der Wein muß eine Geschichte erzählen mit dem Winzer, der Region, seinem Wachstum, seinem Boden und wenn alles stimmig ist, dann gehen Wein und Kunde eine Verbindung ein – egal, welche Hefe.

Quellen: bonvinitas, Süddeutsche Zeitung, Weinhalle, eigene Recherche

Was wir vielleicht noch nicht gewußt haben – Folge 9

  1. Bio- Wein mit Zukunft? Frankreich ist Biowein Nummer Eins. Nach Angaben des Zertifizierungsinstituts Agence Bio schob sich Frankreich mit mehr als 137.000 Hektar am bisherigen Spitzenreiter Spanien (wer hat das gewußt? Spanien Biowein-Spitzenreiter!) und auch an Italien vorbei. Zulegen konnten Spanien und Italien dennoch, sodass rund 85 Prozent der weltweiten Bio-Fläche auf das Konto dieser 3 Länder geht. Für Deutschland hat das statistische Bundesamt im Jahr 2020 knapp 9.600 Hektar biologisch bewirtschaftete Weinberge ausgewiesen. Schweirig wird die Erfassung mangels einheitlicher länderübergreifender Regelungen beim Blick auf die außereuropäischen Weinbauländer. Hier gibt es keine klaren biozertifizierten Regeln. Das Haupthindernis für die Entwicklung des ökologischen Weinbaus ist offensichtlich das Klima. Während Bio-Weinbau im sommertrockenen Mittelmeerraum gut funktioniert, können Winzer aus nördlicheren Regionen in feuchten Sommern an ihre Grenzen kommen. Das wurde vielen Öko-Winzern aus Deutschland nach den Peronospera-Befällen 2021 schmerzlich bewußt.
  2. Dazu paßt, daß das staatliche Weinbauinstitut Freiburg eine neue Broschüre zu den pilzwiderstandsfähigen Neuzüchtungen veröffentlicht hat. Viele der Freiburger Neuzüchtungen stoßen auch außerhalb Deutschlands auf reges Interesse. Dazu paßt auch, daß die Weingilde Bergstraße sich schon zwei mal mit diesen Zukunftssorten beschäftigt hat.
  3. Es gibt inzwischen auch einen großen internationalen Bio-Weinpreis, der mittlerweile in die 13. Auflage gegangen ist (2021: 500 Bioweine aus 13 Ländern). Erfolreichster Biowein-Produzent ist erneut Italien und erstmalig auf Platz zwei Frankreich, gefolg von Spanien, dann Deutschland und Österreich. Die Jury sieht in der Entwicklung der letzten Jahre immense Qualitätssprünge. Biowein definiert sich heute nicht mehr ausschließlich über seinen ökologischen Ausbau, sondern mehr über seine Qualität. Dies konnte die Weingilde auch bei ihrer 10. und 11. online-Verkostung mit Piwi-Weinen oder auch Zukunftsweinen genannt in rot und weiß feststellen.

Quellen: der deutsche Weinbau, Weinwirtschaft

Was wir vielleicht noch nicht gewußt haben – Folge 8

  1. Darmstadt, die Weinhauptstadt der Bergstraße! Wie das? Überall in Darmstadt und Umgebung wurde seit dem Mittelalter Wein angebaut. Er gehörte zum Alltag der Bürger, er war ein Volksgetränk. Es gab keine offizielle Amtshandlung, keinen Vertragsabschluß, keinen Grenzgang ohne Weintrunk. Wein gehörte auch als Teil des Lohns zur Bezahlung von Handwerkern, Hofbediensteten, Pfarrern und Lehrern. Erstmals erwähnt wurden Darmstädter Weingärten im Unterschied zu den heute bekannten Bergsträßer Weinstädten allerdings erst im Jahre 1375. Damals verlieh Graf Wilhelm II. von Katzenelnbogen seiner Gattin Else Besitz mit Weingärten in Darmstadt. In der ältesten erhaltenen Rechnung aus dem Jahr 1401 finden sich Angaben über den Weinbau in Darmstadt, Bessungen und Klappach; auch Weinberge in Zwingenberg, Lichtenberg, Schaafheim und Rüsselsheim wurden erwähnt. In Darmstadt und Bessungen waren etwa 415 Morgen Land mit Reben bestückt, das entspricht ca 105 ha. Im 30-jährigen Krieg gab es fast keinen Weinbau mehr um DA; so langsam entwickelten sich wieder Weingärten um Rosen- und Mathildenhöhe. Sie zogen sich dann von Norden nach Westen bis zur heutigen Waldkolonie. Die Saalbaustraße zwischen Elisabethen- und Adelungstraße hieß bis Mitte des 19. Jdts. “Weinbergstraße” , auf der Mathildenhöhe erinnert die Wingertsbergstraße (damals die beste Lage) an den Weinbau und in der Waldkolonie gibt es heute noch den “Traubenweg”. Nur der Datterich in der Darmstädter Lokalposse von Ernst Elias Niebergall aus dem Jahr 1841 verschmähte den Darmstädter oder Eberstädter Rotwein, er trank lieber den Assmannshäuser. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts befand sich der Weinbau auf dem Rückzug. Gründe waren vor allem die Ausdehnung der Wohnbebauung, vermutlich auch die höheren Ansprüche an die Weinqualität, denen die Reben in Darmstadt und Umgebung nicht mehr gerecht werden konnten. In Bessungen hielt sich der Weinbau noch am längsten – bis 1870. Von all dieser Herrlichkeit ist im Darmstädter Stadtgebiet außer einer winzigen Fläche nichts übrig geblieben, denn im Jahre 1995 wurde auf einer Brachfläche im südwestlichen Bereich des Polizeipräsidiums mit Genehmigung des Weinbauamtes Eltville ein Weinberg mit 99 Weißburgunder-Reben angelegt, der jährlich 200–300 Flaschen liefert. Der als Spezialprävention bezeichnete Wein wird bei Veranstaltungen des Präsidiums, zu Krankenbesuchen und Ehrungen verwendet. Damit dürfte das Polizeipräsidium Südhessen seiner eigenen Einschätzung nach die einzige Polizeidienststelle der Welt mit eigenem Weinberg sein. Der Ausbau erfolgt bei der Winzergenossenschaft Groß-Umstadt. Neben Eberstadt war Bessungen der am dichtesten mit Reben bestandene Stadteil Darmstadts. Anfang 1900 wurde in Heppenheim der hessische Rebmuttergarten als Vorzeige-einrichtung angelegt und in den 30er Jahren das Gebäude dazu errichtet. Aber auch in Darmstadt im Orangeriegarten befand sich eine Rebveredlungsstation mit Rebschule. 1928 standen darin 137.000 veredelte Reben. Am Böllenfalltor – dem heutigen Fußballplatz der Darmstädter Lilien – war im gleichen Jahr eine Rebschule mit gar 700.000 Veredlungen. Heute existiert nur noch ein Rebenveredlungsbetrieb, die Rebschule Antes in Heppenheim. Seit 2004 läßt der Eberstädter Bürgerverein im alten Weingebiet am Wolfhartweg die alte Weinbau-Tradition wieder aufleben. Er darf Wein produzieren, aber nur für den Eigenverbrauch und nur als Tafelwein.
  2. Der Wein und sein Alkohol: Um durchschnittlich 1 Volumenprozent pro Jahrzehnt ist der Alkoholgehalt von Wein seit den 1980er Jahren angestiegen. Wesentliche Ursache dafür ist der Klimawandel mit höheren Temperaturen und mehr Sonnenstunden, die die Zuckerproduktion in den Weintrauben anheizt. Den optimalen Zeitpunkt für die Lese zu bestimmen wird immer schwieriger und dadurch hat auch der über lange Zeit als Reifeparameter geltende Öchslegrad, also das im Wesentlichen durch Zucker verursachte Mehrgewicht des Mostes gegenüber Wasser seine einstige Bedeutung verloren. Wenn der Winzer heute die höheren Alkoholwerte nicht haben will, muß er früher lesen und riskiert dabei grüne Aromen, harsche Säure und bei Rotwein kantige Tannine. Er kann auch andere Wege gehen: z.B. dem Standort und Klima angepaßte Rebsorten oder Weinberge mehr in nordöstlicher als in südwestlicher Ausrichtung anlegen. Das Können des Winzers wird immer stärker gefordert.

Quellen: Darmstadt Stadtlexikon, Antes in Bergsträßer Weinbauchronik 1/21, Weinhalle, eigene Recherche

Was wir vielleicht noch nicht gewußt haben – Folge 7

  1. Wein für 1 Mio Euro in Apulien beschlagnahmt. Die Kellereien hatten fast 11.000 Hektoliter Wein nicht dokumentiert oder deklariert, d.h. sie waren nicht im nationalen Ernteregister verzeichnet und ihre Herkunft konnte nicht belegt werden. Teilweise wurden auch widerrechtliche Angaben zu den Rebsorten gemacht, ohne den Ankauf oder die Herstellung dieser Weine dokumentieren zu können. Die Erntekontrollen sind noch landesweit im Gange und es ist noch mit einigen Überraschungen zu rechnen.
  2. Reichlich Lob für Tropfen von der Bergstraße in den Weinbibeln wie Eichelmann oder Vinum Weinguide, vor allen Dingen für Sekte und Rotweine, allen voran Sekthaus Griesel (siehe Folge 6 dieser Reihe), Weingut Simon-Bürkle und Schloß Schönberg, dicht gefolgt von den Weingütern Rothweiler, Stadt Bensheim (jetzt Jäger) und Edling von der Weininsel.
  3. Am 14.12.2021 schrieb der Bergsträßer Anzeiger “Heppenheim und Schriesheim rücken beim Wein enger zusammen”; es wird sogar von einer Fusion gesprochen. Man darf gespannt sein, was hessische Bergstraße und badische Bergstraße daraus machen.
  4. Riesling ist zwar unbestritten der König unter den Weinen: schlank und elegant, gehaltvoll und doch leicht, mit fruchtiger Säure und je nach Terroir einer Fülle von Aromen wie Weinbergspfirsich, Apfel, Zitrus, Honig oder Gras, aber der Riesling kommt ins Schwitzen. Wenn das Klima so weiter macht und es dem Riesling zu warm wird, dann schmeckt er schon mal nach Petrol und erinnert an Kerosin. Durch die steigenden Temperaturen wird er zu reif, zu viel Zucker, damit zu viel Alkohol und immer weniger Säure. Mit anderen Worten: der Klimawandel ist kein abstraktes Phänomen mehr, sondern er wird für die Winzer handlungsprägende Realität. Die Charakteristik des Rieslings werde sich verändern und neue Sorten, die die Wärme besser vertragen, werden auf dem Vormarsch sein. Die alten Riesling-Rebstöcke mit ihren bis zu 15 Metern tiefen Wurzeln kommen mit den Trockenphasen noch zu recht, aber Junganlagen müssen heute schon bewässert werden. Um die Folgen der Spätfröste zu bekämpfen setzen viele Winzer schon auf Heizdrähte und Heizkessel.
  5. Die größte Weinregion in den USA ist mit einem Anteil von fast 87 % eindeutig Kalifornien, gefolgt von Washington mit 4 %, man beachte New York mit 3 % und Oregon mit 1 %. Die führenden Rebsorten in Kalifornien sind mit einem Anteil von jeweils ca 15 % Chardonnay und Cabernet Sauvignon.
  6. In der Sommerverkostung 2021 für die Qualität der Weine beim Discounter gab es ein so schlechtes Ergebnis wie schon lange nicht mehr. Von insgesamt 1.324 getesteten Wein und Schaumweinen – so schreibt die Weinwirtschaft – sind über 11 % als grob fehlerhaft oder schwach mit Mängeln beurteilt; die gefundenen Korkschmecker fallen da schon gar nicht mehr ins Gewicht. 29 % werden mit gerade noch ausreichend benotet; ok, 54 % mit zufriedenstellend, aber herausragend 0 % und gut gerade mal 5 %. Das ist absolut keine Empfehlung, sich im Discounthandel mit Wein zu versorgen.

Quellen: Weinwirtschaft, Bergsträßer Anzeiger, FAZ

Was wir vielleicht noch nicht gewußt haben – Folge 6

  1. Am 1.12. schreibt die Rhein-Neckar-Zeitung (ein Hinweis von unserem Mitglied Conny Eberle): Die 22. Auflage des Eichelmann Wein- und Sektkritikers sieht die Qualität deutscher Sekte stark im Kommen und sie müßten nicht den Vergleich mit den Sprudlern aus Frankreich scheuen. Und einer der herausragenden Sekterzeuger käme von der Bergstraße, nämlich Niko Brandner vom Sekthaus Griesel in Bensheim. Er erhielt die Auszeichnung für die beste Sektkollektion. Griesel & Ccompagnie hat beim Vinum Sekt Award 2021 (ein Hinweis von unserem Mitglied Roland Turowski) mit seinem Blanc de Noirs DT Prestige 2016 den Titel “Sekt des Jahres” gewonnen. Mit dem Rosé Brut Tradition 2018 belegt sie Platz 3 bei den Rosé Sekten, in der Kategorie “Burgundersorten” Platz 2 mit dem Chardonnay Brut Natur Prestige 2017.
  2. Wer noch Bedarf an Champagner für Weihnachten hat: Bei der großen Champagner-Verkostung der deutschen Weinwirtschaft haben 2013 Cristal brut, Champagne Louis Roederer, 219,- € —– 2012 Clos de Goisses extra brut, Champagne Philipponnat, 117,- €—– 2008 Vintage brut, Champagne Krug, 290,- € —– 2008 N.P.U. brut nature, Champagne Bruno Paillard, 200,- € die Höchstzahl von 98 Punkten erreicht.
  3. Die Winzergenossenschaft vinum autmundis von der Odenwälder Wein-Insel erhielt bei der DLG-Bundesweinprämierung 2021 bei den PIWI-Sorten mit dem trockenen 2020er Cabernet Blanc die Goldmedaille.
  4. Italien bleibt 2021 trotz eines Rückgangs um 9 Prozent mit 44,5 Mio Hektoliter größter Weinproduzent vor Spanien mit 38,5 Mio hl und Frankreich mit 34,4, Mio hl.
  5. Bei der Ligurien-Verkostung der Weingilde im November entstand eine Diskussion über die verschiedenen Verschlußarten der Weinflaschen wie Naturkork, Kunststoffkork, Schraubverschluß, Glasverschluß und was der Wein bei welchem Verschluß in der Flasche noch macht. Dazu sollte man wissen: Wie eine Weinflasche verschlossen ist, beeinflusst die Reifung und die Haltbarkeit des Weins nach der Abfüllung. Dabei kommt es maßgeblich darauf an, wie viel Luft (und damit Sauerstoff, der mit den sensiblen Aromastoffen im Wein reagiert) durch den Verschluss in die Flasche eindringen kann. Je mehr der Wein dem Sauerstoff ausgesetzt ist, desto schneller reift – oder im negativen Fall degeneriert – er. Der durchlässigste Verschluss für Weinflaschen ist der Natur-Korken, der etwa drei- bis viermal so viel Luftaustausch zulässt wie andere Verschlüsse. Gleichzeitig ist der Korken eine der ältesten Verschlussarten und gilt darüber hinaus als eine der umweltfreundlichsten, weil er aus einem natürlich nachwachsenden Rohstoff – Eichenrinde – besteht. Mit Korken werden traditionell eher hochwertige Weine verschlossen. Ob dafür allerdings durch den Korken Sauerstoff zugeführt werden muss, ist wissenschaftlich umstritten; weit verbreitet ist die Position, dass die nach der Abfüllung in der Flasche verbliebene Luft für die weitere Reifung des Weins ausreicht, wenn er das überhaupt braucht. Für viele Weingenießer ist ein Naturkorken ein unbedingtes Muß. Kunststoffstopfen werden meist für Weine verwendet, die relativ schnell (innerhalb von ein bis zwei Jahren nach der Abfüllung) getrunken werden sollen – eine Maßgabe, die im übrigen für etwa 80 Prozent aller Weine weltweit gilt. Langzeitstudien über das Dichtigkeitsverhalten von Kunststoffstopfen existieren noch nicht, und auch die Wechselwirkungen zwischen Inhaltsstoffen des Verschlussmaterials und des Weins sind noch nicht vollständig geklärt. Experimente haben gezeigt, dass bei Weinen mit Kunststoffverschluss der Schwefel überdurchschnittlich schnell abgebaut wurde, was ihre Haltbarkeit verringerte. Der Schraubverschluss ist nach einhelliger Meinung die praktischste und beste Art, eine Weinflasche zu verschließen. Er ist vollkommen dicht und äußerst beständig, lässt sich ohne Hilfsmittel öffnen und – ein sehr großer Vorteil – beliebig oft und verlässlich wieder schließen, und er bietet hundertprozentigen Schutz vor Korkschmecken. Da sich wissenschaftlich zunehmend die Erkenntnis durchsetzt, dass für die weitere Reifung des Weins die nach der Abfüllung in der Flasche verbliebene Luft ausreicht, sind Schraubverschlüsse auch für reifebedürftige Weine bedenkenlos geeignet.
  6. Und noch eine aktuelle Ergänzung: zum 25. Treffen der Gemeinschaft Deutschsprachiger Weinbruderschaften e. V. vom 20. bis 22. Mai 2022 in Konstanz am Bodensee spricht Prof. Dr. Rainer Jung, stv. Leiter des Instituts Oenologie der Hochschule Geisenheim, über das Thema: „Flaschenverschlüsse für Wein – zwischen Tradition und Moderne“. Anschließend wird ein im April 2019 abgefüllter Wein mit unterschiedlichen Verschlüssen verkostet (Naturkork, technischer Kork, BVS-Aluminiumanrollverschluss, Glasverschluss). Nachdem die Weine nun zwei Jahre länger geruht haben, sind die Unterschiede sicherlich noch deutlicher sensorisch zu erkennen. Wir werden bestimmt von unserem Delegierten Roland Turowski über das Ergebnis unterrichtet werden.

Quellen: Rhein-Neckarzeitung, Weinwirtschaft, wein.plus, Vinum, eigene Recherche